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Der Fresh-Start-Effekt: zeitliche Landmarken und warum sie den Anfang erleichtern
Dai, Milkman und Riis berichteten 2014 in Management Science, dass Google-Suchanfragen nach Diät, Fitnessbesuche von Studierenden und Zielbindungen auf einer Selbstverpflichtungs-Website nach zeitlichen Landmarken zunahmen — dem Beginn einer neuen Woche, eines Monats, eines Jahres oder Semesters, einem Geburtstag oder einem Feiertag. Dieselbe Arbeit berichtet auch, dass die erhöhte Motivation wieder abklingt: nach Feiertagen rasch, über Wochen, Monate und Jahre allmählicher.
Was die Arbeit gemessen hat
Die Autorinnen und Autoren nutzten drei voneinander unabhängige Archivdatensätze statt eines Laborexperiments, und das ist die Stärke der Arbeit. Erstens die Häufigkeit von Google-Suchanfragen nach Diät. Zweitens die Besuche von 11.912 studentischen Mitgliedern eines Universitäts-Fitnesszentrums. Drittens Zielbindungen auf einer Website, auf der man sich öffentlich zu einem Vorhaben verpflichtet. In allen drei Datensätzen stiegen die Werte nach zeitlichen Landmarken: Wochenbeginn, Monatsbeginn, Jahresbeginn, Semesterbeginn, Geburtstage, Feiertage. Drei sehr unterschiedliche Verhaltensmaße, die dasselbe Muster zeigen, sind erheblich überzeugender als ein einzelnes Experiment mit einer Handvoll Studierender. Wichtig ist außerdem, dass keiner der drei Datensätze aus einem Labor stammt: Es handelt sich um tatsächliches Verhalten von sehr vielen Menschen, nicht um Absichtserklärungen in einer Befragung.
Der vorgeschlagene Mechanismus
Die Erklärung der Arbeit ist bemerkenswert, weil sie direkt an die mentale Buchführung anschließt, auf der auch die Umschlagmethode beruht. Zeitliche Landmarken schaffen demnach neue mentale Abrechnungsperioden und schieben damit die eigenen bisherigen Unzulänglichkeiten in eine vorherige Periode. Das Ich vor der Landmarke wird als eine etwas andere Person verbucht, und das aktuelle Ich startet mit einer sauberen Bilanz. Genau deshalb wirkt der Neustart, obwohl sich objektiv nichts geändert hat: nicht das Einkommen, nicht die Ausgaben, nicht die Gewohnheiten. Verändert hat sich, wohin die Vergangenheit gebucht wird. Für ein Umschlagsystem ist das eine bemerkenswert direkte Verbindung: Die Methode arbeitet ohnehin mit Perioden, und die Forschung sagt, dass eine neue Periode selbst schon motiviert.
Der Teil, der meist weggelassen wird
In der populären Wiedergabe endet die Geschichte beim Anstieg. Die Arbeit selbst berichtet aber ebenso deutlich, dass die erhöhte Motivation wieder abnimmt: Nach einem Feiertag springt sie am ersten Arbeitstag danach hoch und fällt anschließend rasch ab, bei Wochen, Monaten, Jahren und Semestern klingt sie allmählicher aus. Das ist keine Einschränkung, die den Befund schwächt, sondern eine Gebrauchsanweisung. Der Neustart liefert Energie für den Anfang und nicht für den Verlauf. Wer diese Energie in eine Struktur investiert, die auch ohne Motivation weiterläuft, nutzt sie richtig; wer sie in tägliche Disziplin investiert, verbraucht sie.
Grenzen, die die Autoren selbst nennen
Gemessen wurde die Aufnahme von Verhalten — Suchanfragen, Besuche, Selbstverpflichtungen — und nicht, ob die Vorhaben langfristig gelangen. Eine Landmarke erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anfängt, und sagt nichts darüber, ob er dabeibleibt. Außerdem stammen die Daten aus Archiven, was zwar realistisches Verhalten in großer Zahl liefert, aber keine gezielte Manipulation einzelner Faktoren erlaubt. Für die Praxis ist das trotzdem brauchbar: Wenn der Anfang der teuerste Teil einer Verhaltensänderung ist, ist ein Effekt, der genau den Anfang verbilligt, ein wertvolles Werkzeug — auch ohne Versprechen über den Rest. Die Arbeit macht diese Grenzen selbst deutlich, und das ist ein Qualitätsmerkmal — es lohnt sich, populäre Wiedergaben daran zu messen, ob sie den Teil über das Abklingen mitzitieren.
Was das für Umschläge bedeutet
Zwei Konsequenzen. Erstens: Warte nicht auf den Jahreswechsel. Die Arbeit zählt Wochenbeginn, Monatsbeginn, Geburtstage und Semesterstarts gleichrangig als Landmarken, und in Deutschland kommen weitere hinzu, die den Kalender ohnehin strukturieren — der Monatswechsel, an dem das Gehalt eingeht, oder der Beginn der Fastenzeit. Der nächste Montag reicht. Zweitens: Nutz den Schub für Struktur statt für Vorsätze. Leg an diesem Tag die Umschläge an, benenne sie und setz die Beträge. Danach arbeitet die Struktur, und die Motivation darf abklingen, ohne dass etwas zusammenbricht. Praktisch heißt das: Der Tag des Neuanfangs wird für das Einrichten genutzt, nicht für gute Vorsätze, und alles, was an diesem Tag entschieden wird, sollte danach ohne weitere Entscheidungen weiterlaufen.
Quellen
Jede Quelle unten wurde aufgerufen und geprüft. Die Ergebnisse stehen hier so, wie die Quelle sie angibt.
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The Fresh Start Effect: Temporal Landmarks Motivate Aspirational Behavior
— Management Science (USA), 2014
In drei Archivstudien nahmen Google-Suchanfragen nach "diet", die Fitnessbesuche von 11.912 studentischen Mitgliedern und Zielbindungen auf stickK nach zeitlichen Landmarken wie dem Beginn einer neuen Woche, eines Monats, Jahres oder Semesters, einem Geburtstag oder einem Feiertag zu. Die Autoren schlagen vor, dass Landmarken neue mentale Abrechnungsperioden schaffen, die vergangene Unzulänglichkeiten einer früheren Periode zuordnen. In der Diskussion berichten sie, dass die erhöhte Motivation am ersten Arbeitstag nach einem Feiertag ihren Höhepunkt erreicht und danach rasch abfällt, über Wochen, Monate, Jahre und Semester hinweg aber allmählicher nachlässt.
Häufige Fragen
Heißt das, dass Neujahrsvorsätze funktionieren?
Es heißt, dass Menschen nach zeitlichen Landmarken häufiger anfangen, und der Jahreswechsel ist eine besonders auffällige Landmarke. Über das Durchhalten sagt die Arbeit nichts, und sie berichtet ausdrücklich, dass der Motivationsschub wieder abklingt. Die brauchbare Lesart lautet also: Der 1. Januar ist ein guter Starttermin und ein schlechter Plan. Verwende den Tag dafür, eine Struktur einzurichten, die auch im März ohne besondere Motivation funktioniert.
Muss ich bis zum Monatsersten warten, um ein Budget neu zu starten?
Nein. In der Arbeit wirken auch Wochenanfänge, Geburtstage, Feiertage und Semesterstarts als Landmarken, nicht nur der Monats- oder Jahresbeginn. Der nächste Montag ist ein vollwertiger Neuanfang. Praktisch spricht sogar einiges dafür, nicht zu warten: Die Zeit zwischen der Entscheidung und dem Starttermin ist die Phase, in der Vorhaben am häufigsten leise verschwinden.
Ist belegt, dass der Fresh-Start-Effekt Verhalten langfristig ändert?
Nein, und das sollte man deutlich sagen. Die Arbeit misst die Aufnahme von Verhalten und berichtet, dass die erhöhte Motivation wieder abnimmt. Sie belegt also, dass Landmarken den Einstieg erleichtern, und nicht, dass sie den Verlauf sichern. Genau deshalb ist die sinnvolle Anwendung, den Schub in eine Struktur zu investieren — feste Umschläge, feste Beträge, ein fester Tag —, die auch dann noch läuft, wenn der Neuanfang längst kein Ereignis mehr ist.
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