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Standardeffekte: was passiert, wenn die Voreinstellung für dich entscheidet
Madrian und Shea untersuchten ein großes US-Unternehmen und fanden, dass bei drei bis fünfzehn Monaten Betriebszugehörigkeit 37 Prozent der kurz vor Einführung der automatischen Anmeldung eingestellten Beschäftigten am betrieblichen Sparplan teilnahmen, gegenüber 86 Prozent der danach eingestellten. Der Haken: 76 Prozent der automatisch Angemeldeten blieben beim voreingestellten Beitragssatz von drei Prozent, und 80 Prozent ihrer Beiträge flossen in den voreingestellten Geldmarktfonds.
Das natürliche Experiment, und dass es ein US-amerikanisches ist
Diese Studie beschreibt einen 401(k)-Plan, also die betriebliche Altersvorsorge in ihrer US-amerikanischen Ausprägung, und das gehört gesagt, bevor irgendetwas übertragen wird. Madrian und Shea verglichen das Verhalten in einem großen US-Unternehmen vor und nach der Umstellung: Vorher mussten Beschäftigte aktiv beitreten, nachher wurden sie automatisch angemeldet, sofern sie nicht widersprachen. Kein einziges wirtschaftliches Merkmal des Plans änderte sich — Arbeitgeberzuschuss, Fondsauswahl und Anspruchsvoraussetzungen blieben gleich. Nur die Voreinstellung wurde umgedreht. Genau das macht die Studie so nützlich: Der Verhaltensunterschied kann nicht darauf zurückgehen, dass der Plan attraktiver geworden wäre. Für deutsche Leserinnen und Leser gilt deshalb: Alles, was hier über Beteiligungsquoten steht, beschreibt ein US-Unternehmen und ein US-System, nicht die Lage hierzulande.
Die Größe des Effekts
Bei drei bis fünfzehn Monaten Betriebszugehörigkeit nahmen 37 Prozent der kurz zuvor eingestellten Kohorte teil, gegenüber 86 Prozent der unter automatischer Anmeldung eingestellten. Die Gesamtbeteiligung vor der Umstellung lag bei 61 Prozent. Das ist ein Sprung, den kaum eine Informationskampagne erzeugt, und er entstand ausschließlich dadurch, dass die Nicht-Entscheidung ihr Vorzeichen wechselte. Die Autoren beschreiben das Ergebnis als Beleg dafür, dass große Veränderungen im Sparverhalten durch das ausgelöst werden können, was sie die Macht der Suggestion nennen — nicht durch bessere Argumente und nicht durch bessere Konditionen. Bemerkenswert ist auch der Vergleichswert: Die Gesamtbeteiligung vor der Umstellung lag bei 61 Prozent, die Umstellung wirkte also am stärksten bei den zuletzt Eingestellten.
Der Vorbehalt, der wichtiger ist als die Schlagzeile
Der zweite Teil des Befunds wird selten mitzitiert und ist der interessantere. Von den automatisch Angemeldeten blieben 76 Prozent beim voreingestellten Beitragssatz von drei Prozent, und 80 Prozent ihrer Beiträge landeten im voreingestellten Geldmarktfonds. Der Standard erzeugte also nicht nur Teilnahme, er erzeugte auch Erstarrung: Die Voreinstellung wurde als Empfehlung gelesen und nicht als Startpunkt. Für die Praxis ist das die eigentliche Lehre. Ein Standard bewegt Menschen zuverlässig in eine Richtung, und dieselbe Kraft hält sie dann dort fest — auch dort, wo eine Anpassung offensichtlich sinnvoll wäre. Wer also eine Voreinstellung setzt — für andere oder für sich selbst —, entscheidet damit nicht nur über das Ob, sondern faktisch auch über die Höhe, und zwar für lange Zeit.
Dasselbe Muster außerhalb der Altersvorsorge
Johnson und Goldstein zeigten 2003 in Science denselben Mechanismus in einem völlig anderen Feld. In einem Online-Experiment mit 161 Befragten lag die effektive Zustimmung zur Organspende bei rund 42 Prozent unter einer Opt-in-Regel, bei 82 Prozent unter Opt-out und bei 79 Prozent ohne Voreinstellung, wobei nur die Opt-in-Bedingung signifikant niedriger lag. Die effektiven Zustimmungsraten europäischer Opt-in- und Opt-out-Länder überlappten einander nicht, und eine Regression auf tatsächliche Spenderaten fand einen Anstieg von 16,3 Prozent unter einer Opt-out-Voreinstellung. Derselbe Hebel, ein völlig anderer Gegenstand. Dass derselbe Mechanismus in zwei so weit auseinanderliegenden Bereichen auftritt, ist der eigentliche Grund, warum man ihn ernst nehmen sollte: Er hängt nicht am Thema Geld, sondern an der Form der Entscheidung.
Die deutsche Parallele — und warum sie hier nicht beziffert wird
Für Leserinnen und Leser in Deutschland ist die naheliegende Entsprechung die betriebliche Altersvorsorge, in der je nach Tarifvertrag und Betriebsvereinbarung ebenfalls Modelle mit automatischer Einbeziehung und Widerspruchsmöglichkeit existieren. Ob und wie das bei dir gilt, welche Beiträge vorgesehen sind und welche Fristen laufen, steht in deinem Arbeitsvertrag, deinem Tarifvertrag oder deiner Betriebsvereinbarung — und diese Seite nennt dazu weder Sätze noch Regeln, weil das eine arbeits- und sozialrechtliche Frage ist. Übertragbar ist allein der Mechanismus: Was voreingestellt ist, bleibt meistens stehen. Genau deshalb lohnt es sich, jede Voreinstellung, die dein Geld betrifft, einmal bewusst anzuschauen.
Was das für Umschläge bedeutet
Der praktische Schluss ist, dass du die Voreinstellung selbst setzt, statt sie zu erben. Konkret heißt das: ein Dauerauftrag am Tag nach dem Gehaltseingang, der einen festen Betrag in Sparen und Rücklagen schiebt, bevor der Monat beginnt. Das ist derselbe Mechanismus wie eine automatische Anmeldung, nur bist du hier die Person, die den Standard bestimmt. Und der zweite, weniger beachtete Teil gilt genauso für dich: Ein einmal gesetzter Betrag bleibt jahrelang stehen. Setz dir deshalb einen jährlichen Termin, an dem du ihn ausdrücklich prüfst, sonst wirkt die Trägheit irgendwann gegen dich.
Quellen
Jede Quelle unten wurde aufgerufen und geprüft. Die Ergebnisse stehen hier so, wie die Quelle sie angibt.
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The Power of Suggestion: Inertia in 401(k) Participation and Savings Behavior
— Quarterly Journal of Economics (USA; Zahlen aus NBER Working Paper 7682), 2001
Bei 3 bis 15 Monaten Betriebszugehörigkeit lag die Teilnahme am 401(k) bei 37 Prozent für die kurz vor der automatischen Anmeldung eingestellte Kohorte gegenüber 86 Prozent für die unter ihr eingestellte. Von der automatisch angemeldeten Kohorte zahlten 76 Prozent der Teilnehmenden den voreingestellten Satz von 3 Prozent, und 80 Prozent der Beiträge flossen in den voreingestellten Geldmarktfonds. Die Gesamtteilnahme vor der automatischen Anmeldung lag bei 61 Prozent. -
Do Defaults Save Lives?
— Science (USA/Europa), 2003
In einem Online-Experiment mit 161 Befragten lag die effektive Zustimmung bei rund 42 Prozent unter Opt-in, 82 Prozent unter Opt-out und 79 Prozent ohne Voreinstellung, wobei nur Opt-in signifikant niedriger lag. Die effektiven Zustimmungsraten europäischer Opt-in- und Opt-out-Länder überlappten einander nicht, und eine Regression auf tatsächliche postmortale Spenderaten fand einen Anstieg von 16,3 Prozent unter einer Opt-out-Voreinstellung.
Häufige Fragen
Bedeutet automatische Anmeldung, dass insgesamt mehr gespart wurde?
Die Teilnahme stieg dramatisch, das ist eindeutig. Gleichzeitig blieben 76 Prozent der automatisch Angemeldeten beim voreingestellten Beitragssatz von drei Prozent, und 80 Prozent ihrer Beiträge gingen in den voreingestellten Fonds. Ein niedriger Standard bindet also viele Menschen an einen niedrigen Betrag, den sie ohne die Voreinstellung vielleicht höher gewählt hätten. Die Studie zeigt damit beides: Voreinstellungen holen Menschen ins System und halten sie zugleich an der Stelle fest, an der sie eingestiegen sind.
Geht es beim Organspende-Befund um Spenderaten oder um Formulare?
Um beides, und die Arbeit unterscheidet sauber. Das Online-Experiment mit 161 Befragten misst eine Zustimmungsentscheidung, also im Kern Formularverhalten. Zusätzlich berichtet die Arbeit aber, dass die effektiven Zustimmungsraten europäischer Opt-in- und Opt-out-Länder einander nicht überlappen und dass eine Regression auf tatsächliche Spenderaten einen Anstieg von 16,3 Prozent unter Opt-out fand. Der Effekt bleibt also nicht beim Papier stehen, ist dort aber am größten.
Kann ich das auf mich selbst anwenden, oder braucht es jemand anderen?
Du kannst es selbst anwenden, und das ist der eigentliche Nutzen dieser Literatur für ein Haushaltsbudget. Ein Dauerauftrag am Tag nach dem Gehaltseingang ist eine selbst gesetzte Voreinstellung: Der Normalfall ist danach, dass gespart wird, und es kostet eine aktive Handlung, das zu ändern. Wichtig ist nur, den zweiten Teil des Befunds mitzudenken — auch dein eigener Standard erstarrt, also gehört ein jährlicher Prüftermin dazu.
Lassen sich diese Befunde auf alltägliche Ausgaben übertragen?
Der Mechanismus ja, die Zahlen nein. Beide Studien messen einzelne, seltene Entscheidungen mit klarer Voreinstellung — Anmeldung zu einem Plan, Zustimmung zu einer Spende. Alltägliche Ausgaben bestehen aus vielen kleinen Entscheidungen ohne formalen Standard. Übertragbar ist die Gestaltungsidee: Baue dort Voreinstellungen ein, wo es sie geben kann — Dauerauftrag, feste Fülltermine, ein getrenntes Konto —, statt jeden Monat auf eine bewusste Entscheidung zu setzen.
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