Start › Was die Forschung sagt
Lifestyle-Creep: was die Forschung zum sozialen Vergleich tatsächlich zeigt
Drei Studien mit belastbarem Design finden, dass der sichtbare Konsum anderer den eigenen erhöht. Bertrand und Morse fanden, dass nicht-reiche Haushalte dort einen größeren Einkommensanteil konsumierten, wo die Spitzeneinkommen höher lagen, und schätzen, dass Haushalte mittleren Einkommens bis Mitte der 2000er Jahre 2,6 bis 3,2 Prozent mehr gespart hätten, wären die Spitzeneinkommen wie die mittleren gewachsen. Eine randomisierte niederländische Lotterie erhöhte Autokäufe bei den nicht teilnehmenden Nachbarn der Gewinner, und eine kanadische Studie fand nach größeren Nachbarschaftsgewinnen mehr Insolvenzen in der Umgebung.
Konsum, der nach oben zeigt
Bertrand und Morse untersuchten, wie sich der Konsum nicht-reicher Haushalte verhält, wenn sie höheren Spitzeneinkommen ausgesetzt sind. Das Ergebnis: Sie konsumierten einen größeren Anteil ihres laufenden Einkommens, und besonders reagierten die Budgetanteile sichtbarer Güter. Die Autoren schätzen, dass Haushalte mittleren Einkommens bis Mitte der 2000er Jahre 2,6 bis 3,2 Prozent mehr gespart hätten, wenn die Spitzeneinkommen im Tempo der mittleren gewachsen wären. Zusätzlich sagte die Exposition gegenüber höheren Spitzeneinkommen mehr selbstberichtete finanzielle Belastung und mehr Privatinsolvenzen vorher. Es geht also nicht um Neid als Gefühl, sondern um messbare Verschiebungen im Budget.
Eine Lotterie, die deine Nachbarn zufällig macht
Kuhn und Kolleginnen nutzten 2011 eine niederländische Besonderheit: Bei der Postcode-Lotterie wird eine Postleitzahl gezogen, und alle Teilnehmenden dort gewinnen Bargeld sowie ein Auto. Das ist ein seltener Glücksfall für die Forschung, weil die Zuordnung von Gewinn und Nachbarschaft zufällig ist. Die Konsumeffekte bei den Gewinnern selbst beschränkten sich weitgehend auf Autos und andere langlebige Güter. Entscheidend ist aber der zweite Befund: Nicht teilnehmende Personen, die direkt neben Gewinnern wohnten, wiesen einen signifikant höheren Autokonsum auf als andere Nicht-Teilnehmende. Sie hatten nichts gewonnen — sie hatten nur ein neues Auto nebenan.
Und dann die Insolvenzen
Agarwal, Mikhed und Scholnick untersuchten 2020 zufällig variierende Gewinnhöhen in sehr kleinen kanadischen Postleitzahlbezirken mit im Median dreizehn Haushalten. Ein Nachbarschaftsgewinn in Höhe des mittleren Jahreseinkommens der Stichprobe — etwa 29.000 kanadische Dollar — erhöhte die Insolvenzen unter den nahen Nachbarn in den folgenden zwei Jahren um rund 6,6 Prozent relativ zum lokalen Durchschnitt. Aufschlussreich ist die Zusammensetzung: Die Gewinnhöhe erhöhte in den Bilanzen der insolventen Nachbarn den Wert sichtbarer Vermögensgegenstände wie Häuser, Autos und Motorräder, nicht aber den unsichtbarer Positionen wie Bargeld und Altersvorsorge. Wichtig ist die Lesart: Nicht der Gewinn der Nachbarn verursacht die Insolvenz, sondern die Anpassung des eigenen sichtbaren Konsums an einen verschobenen Maßstab.
Was das für dich heißt und was nicht
Alle drei Studien stammen aus Nordamerika und den Niederlanden, und keine von ihnen misst deutsche Haushalte. Was sie zeigen, ist ein Mechanismus, kein deutscher Kennwert, und wir behaupten hier keinen. Der Mechanismus ist aber gut übertragbar, weil er nicht an einer Institution hängt, sondern an Sichtbarkeit: Was andere zeigen, verschiebt den eigenen Referenzpunkt für Normalität, und die Anpassung passiert bei sichtbaren Gütern zuerst. Das erklärt auch, warum Lifestyle-Creep sich nie wie eine Entscheidung anfühlt. Niemand beschließt, mehr auszugeben; die Vorstellung davon, was ein normales Auto ist, hat sich verschoben. Und es erklärt, warum Gegenmaßnahmen bei der Zuordnung ansetzen müssen und nicht bei der Einstellung: Man kann sich nicht vornehmen, den Referenzpunkt nicht zu verschieben.
Die Änderung im Umschlag
Der wirksamste Griff ist, Einkommenssteigerungen zu verteilen, bevor sie ankommen. Steht eine Erhöhung, eine ausgelaufene Kreditrate oder ein weggefallenes Abo an, entscheide im selben Monat, wohin der Betrag geht, und schreib es auf. Ohne diese Entscheidung verteilt er sich innerhalb weniger Monate über sichtbare Kategorien und ist danach nicht mehr benennbar. Prozentuale Budgets allein schützen davor nicht: Wenn jeder Umschlag proportional mitwächst, wächst auch der Lebensstil mit. Wirksam ist, den Zuwachs vorab in feste Beträge zu lenken — Notgroschen, Rücklagen, ein Ziel mit Namen — statt ihn anteilig über alles zu streuen.
Quellen
Jede Quelle unten wurde aufgerufen und geprüft. Die Ergebnisse stehen hier so, wie die Quelle sie angibt.
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Trickle-Down Consumption
— The Review of Economics and Statistics (USA), 2016
Nicht-reiche Haushalte konsumieren einen größeren Anteil des laufenden Einkommens, wenn sie höheren Spitzeneinkommen ausgesetzt sind, wobei die Budgetanteile sichtbarerer Güter besonders reagieren; Haushalte mittleren Einkommens hätten bis Mitte der 2000er Jahre 2,6 bis 3,2 Prozent mehr gespart, wären die Spitzeneinkommen im Tempo der Medianeinkommen gewachsen, und die Exposition gegenüber höheren Spitzeneinkommen sagt mehr selbstberichtete finanzielle Belastung und mehr Privatinsolvenzen vorher. -
The Effects of Lottery Prizes on Winners and Their Neighbors: Evidence from the Dutch Postcode Lottery
— American Economic Review (Niederlande), 2011
In einer Lotterie, die zufällig eine Postleitzahl auswählt und dort an Teilnehmende Bargeld und einen BMW ausschüttet, beschränkten sich die Konsumeffekte der Gewinner weitgehend auf Autos und andere langlebige Güter; Nicht-Teilnehmende, die unmittelbar neben Gewinnern wohnten, wiesen einen signifikant höheren Autokonsum auf als andere Nicht-Teilnehmende. -
Peers' Income and Financial Distress: Evidence from Lottery Winners and Neighboring Bankruptcies
— The Review of Financial Studies (Kanada), 2020
Anhand zufällig variierender Gewinnhöhen in sehr kleinen kanadischen sechsstelligen Postleitzahlbezirken mit im Median 13 Haushalten erhöhte ein Nachbarschaftsgewinn in Höhe des Median-Jahreseinkommens der Stichprobe (etwa 29.000 kanadische Dollar) die Insolvenzen enger Nachbarn in den folgenden zwei Jahren um etwa 6,6 Prozent relativ zum lokalen Durchschnitt; die Gewinnhöhe erhöhte den Wert sichtbarer Vermögensgegenstände wie Häuser, Autos und Motorräder in den Bilanzen insolventer Nachbarn, nicht aber unsichtbarer Positionen wie Bargeld und Altersvorsorge.
Häufige Fragen
Ist Lifestyle-Creep ein realer Effekt oder nur ein Spruch?
Der zugrunde liegende Mechanismus — der sichtbare Konsum anderer erhöht den eigenen — ist in drei unabhängigen Untersuchungen mit belastbarem Design belegt, darunter zwei, die auf zufälliger Zuweisung beruhen. Was daraus nicht folgt, ist eine allgemeine Zahl dafür, wie stark der Effekt bei dir wirkt, und schon gar nicht eine deutsche Kennzahl. Die belegte Aussage lautet: Die Umgebung verschiebt den Referenzpunkt, und die Verschiebung zeigt sich zuerst bei sichtbaren Gütern.
Warum sind es immer Autos, Häuser und sichtbare Dinge?
Weil nur sichtbare Dinge als Vergleichsmaßstab funktionieren. In der kanadischen Studie erhöhte die Gewinnhöhe in den Bilanzen insolventer Nachbarn den Wert sichtbarer Positionen wie Häuser, Autos und Motorräder, während Bargeld und Altersvorsorge unberührt blieben. In der niederländischen Lotterie konzentrierten sich die Effekte bei Gewinnern und Nachbarn auf Autos und langlebige Güter. Das Sparkonto der Nachbarn sieht niemand — und deshalb löst es keinen Vergleich aus.
Verhindert ein prozentuales Budget den Lifestyle-Creep?
Nur teilweise, und das ist ein verbreiteter Irrtum. Ein rein prozentuales System lässt jeden Umschlag mit dem Einkommen mitwachsen, also auch Freizeit, Essengehen und Anschaffungen — der Anteil bleibt gleich, der Lebensstil steigt. Wirksamer ist, den Zuwachs bei jeder Einkommenserhöhung gesondert zu behandeln: einen festen Teil direkt in Notgroschen, Rücklagen oder ein benanntes Ziel, und nur den Rest anteilig verteilen. Die Entscheidung muss vor dem ersten Monat mit dem höheren Betrag fallen.
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